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Nadine Witt

„Ich lebe“ – Verlobte des Frauenmörders zu Besuch auf Fehmarn!

Ein Serienmörder, der vor über vierzig Jahren im Norden Deutschlands Frauen umbrachte. Auf bestialische Weise ermordete er eine nach der anderen und zerstückelte sie anschließend. Doch eine hat er in der Zeit seines Umhertreibens verschont: Ulrike Roland, die ehemalige Verlobte von Arwed Imiela.

„Wie mag diese Frau wohl sein?", fragte ich mich. Was hat diese eine Frau an sich, die er nicht wie alle anderen kaltblütig ermordete?

Ulrike Hans Nadine bearbNun bekam ich die Gelegenheit, es selbst herauszufinden. Denn sie hat mich besucht! 44 Jahre nach den Geschehnissen kehrte sie zurück auf die Insel und stellte sich ihrer Vergangenheit ...

Am 29. April holte ich sie vom Burger Bahnhof ab. Das erste was ich dachte, als sie ausstieg war: „Oje, was ist sie klein!" Mit ihren gerade mal 1,58 Metern Körpergröße schien sie mir sehr zerbrechlich. Durch die Fernseh- Dokumentationen hatte ich ein völlig falsches Bild von ihr. Doch man soll sich von äußeren Eindrücken nie täuschen lassen, denn wie man so schön sagt: „Klein aber oho." Sie wollte sich nicht aus dem Zug helfen lassen, präsentierte sich selbstbewusst und drahtig, auch wenn ein Knie nicht mehr so will, wie sie es gern hätte.

Sie war mir auf Anhieb sympathisch!

Zu Anfang unseres Gesprächs blickte Ulrike sehr distanziert an die frühere Zeit zurück, sprach von „Herrn Imiela". Die Schublade zu ihren damals empfundenen Emotionen schien wie fest verschlossen und öffnete sich nur langsam − als ob sie klemmen würde. All die Lügen und Verschwiegenheiten, die nach Imielas Verhaftung 1970 zu Tage kamen, hatten Ulrike bitter gemacht, sagte sie in unserem Gespräch über sich selbst. „Es hat lange Zeit recht wehgetan. Da denkt man deshalb irgendwann nicht mehr darüber nach ..." Ihre Mitmenschen machten es ihr die ersten Jahre nach dem Medienrummel um „das schrecklichste Kapitalverbrechen der Nachkriegszeit" nicht leicht. „Doch ich hatte damit ja nichts zu tun, wusste von alledem nichts", beteuert sie noch heute.

Schlimme Jahre des Betrugs, der Lüge und der Erniedrigung liegen hinter ihr, genauso wie der Schmerz, Tante und Cousine durch den Mörder verloren zu haben. So baute sie über die Jahre eine unsichtbare Schutzmauer um sich herum auf, damit es nicht mehr so sehr weh tut.

Erst nach und nach fing sie während unseres Gesprächs an, sich besser zu erinnern, Gefühle wieder zuzulassen. Der wunderschöne sonnige Tag unseres ersten Zusammentreffens mochte seinen Anteil daran gehabt haben. Gemütlich saßen wir bei Zitronenwasser auf der kleinen Terrasse neben dem alten Bauernhaus in Gahlendorf auf Fehmarn, das sie noch gut aus vergangenen Tagen kannte. Oft fuhr sie mit Imiela in das kleine Dorf im Inselosten, da er dort das Jagdrevier gepachtet hatte.

Nachdem wir einander etwas besser kennengelernt hatten, hatte ich noch eine Überraschung für sie. Denn zum Kaffee lud ich Hans Grunst ein, den Tankwart, bei dem sie zusammen mit Arwed Imiela jeden Freitag auf Fehmarn einkehrte. Er war es auch, der die Ludergrube aushob und später darin die Leichenteile zweier Frauen entdeckte.

Man hatte sich viel zu erzählen, und am Ende des Tages waren wir drei uns einig: das sollte nicht das letzte Treffen gewesen sein. Ich habe noch so viele Fragen! Doch die Geschehnisse liegen viele viele Jahre zurück, und Ulrike muss die Erinnerungen und Empfindungen von damals auch zulassen. Das braucht eben seine Zeit.

Ulrike Roland – die ehemalige Verlobte des Frauenmörders Arwed Imiela: Sie hat sich in all den Jahren nach den Geschehnissen nie unterkriegen lassen, hat immer nach vorn geschaut und ihren Lebensmut nie verloren. Hut ab vor dieser kleinen aber taffen Frau!

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"Der Blaubart von Fehmarn lebt!"

... Wenn auch nur in Erinnerungen …

Er wird in Erzählungen so lebhaft dargestellt, als würde er noch heute, hinter einem Strauch oder einem Baum versteckt, auf sein nächstes Opfer lauern.

Eine Gänsehaut überkommt mich. Genau wie vor drei Jahren, als ich mich das erste Mal mit dem einstigen Frauenmörder Arwed Imiela beschäftigt habe.

Und wie bei einem Déjà-vu-Erlebnis wird erneut bei meinen Gedanken an verscharrte Leichenteile der Fehmarn-Knust unheilvoll in einen dicken, von Nebelschwaden verhangenen Umhang, gehüllt.

„Die Luft riecht ganz komisch“, sagt mein Sohn.

Es ist früher Abend und die Sonne wird schon bald irgendwo hinter einem milchigen Horizont hinter einer Nebelwand verschwinden und das letzte Tageslicht verschlucken.

Meine Augen huschen hektisch über den Hof hin und her. Was genau erwarte ich zu sehen? Dass im nächsten Moment hinter der Scheune ein großer, starker Mann in Jägerkleidung hervorspringt und mir ein Messer an die Kehle hält? Doch dann passiert es.

Plötzlich packt mich von hinten eine große Hand fest an der Schulter. Heiß schießt mir das Blut durch den Körper und jagt mir das Adrenalin bis in die kleinste Zelle. Meine Beine versagen den Geist. Ich gehe in die Knie vor Schreck. Ein Aufschrei hallt durch die von Nebel gesättigte Abendluft. War ich das?

Mein Sohn lacht: „Mama…“, kommt es vorwurfsvoll. Mein Lebensgefährte lächelt mich schelmisch an und freut sich „einen Keks“, dass er es geschafft hat, mich so zu erschrecken − dass er mich sogar in die Knie gezwungen hat. Er konnte ja nicht wissen, was mir soeben durch den Kopf ging …

Vor drei Jahren fanden genau durch ähnlich kühles Wetter und starkem Nebel die ersten Zeilen Einlass in den Kriminalroman, den ich nach einer wahren Begebenheit geschrieben habe: „Der Blaubart von Fehmarn“.

Sollte das etwa ein Zeichen für mich sein? Imiela wird ja wohl kaum durch die Unterwelt Kontakt zu mir aufgenommen haben …

Doch scheint das Thema „um das scheußlichste Kapitalverbrechen der Nachkriegszeit“ (Zitat: Fehmarnsches Tageblatt, 1970) noch immer nicht verarbeitet worden zu sein.

Der Mythos um den Frauenmörder Imiela, der seine Opfer zerstückelte, um die Leichenteile 1969 in einem Erdloch zu vergraben, hat mein Leben verändert. Dadurch kreisen meine Gedanken oft um das Unfassbare, wozu dieser Mensch fähig war, um seine egoistischen Bedürfnisse auf bestialische Weise zu befriedigen.

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Das war ein interessanter Sonntagsbesuch!

Horst Fick, Nadine Witt, Holger Dabelstein und Harald Nagel (v.l.n.r)Ein Polizeidirektor a.D., ein ehemaliger Korpsstudent und ein ehemaliger landwirtschaftlicher Auszubildender ...
Was verbindet drei völlig unterschiedliche Männer mit der Ostseeinsel Fehmarn, die in Hemmelsdorf leben - einem kleinen Ort nördlich der Hansestadt Lübeck?
Die Lösung ist so skurril wie interessant für mich: der Frauenmörder Arwed Imiela. Alle drei lasen das Buch „Der Blaubart von Fehmarn" und nahmen Kontakt zu mir auf.
Dank dieser Herren, Horst Fick (links im Bild), Holger Dabelstein (Mitte) und Harald Nagel (rechts im Bild) hatte ich vergangenen Sonntag ein sehr informatives Treffen. Denn jeder von ihnen erzählte mir seine ganz persönliche Geschichte über das, was sie vor über vier Jahrzehnten durch oder mit Arwed Imiela erlebten und das sie dadurch verbindet.
Horst Fick kam durch seine landwirtschaftliche Lehre nach Fehmarn. Auf dem Betrieb in Altjellingsdorf lernte er eine Dame kennen, die mit Arwed Imiela liiert war. Sie kann wohl von Glück reden, dass sie nicht eines der armen Opfer des hinterlistigen Frauenmörders wurde und sich auch heute noch bester Gesundheit erfreut.
Harald Nagel ist ein ehemaliger Korpsstudent, der Imiela persönlich auf einem Verbindungstreffen auf Fehmarn kennenlernte. Die Waffenstudenten trafen sich regelmäßig einmal pro Monat an den Wochenenden. Nagel beschreibt Imiela als eine imposante Erscheinung und als sehr spendabel.
In der Gaststätte „Felgentreu" – heute „Burg-Klause" – lernte Nagel den Jäger kennen. Dieser gab an, als Studierter ebenfalls einer Verbindung anzugehören. Doch gab Imiela eine Hamburger Verbindung an, die es gar nicht gab...
Das weckte Misstrauen!
Holger Dabelstein ist seit einem Jahr außer Dienst. Doch zuvor fungierte er als Polizeidirektor des Kreises Ostholstein. Im Rahmen seiner Polizei-Ausbildung besuchte er 1970 eine Gerichtsverhandlung in Lübeck „in der Sache Imiela". Er brachte mir bei unserem Treffen am Sonntag die 36. Auflage des Strafgesetzbuches mit Beck'schen Kurz-Kommentaren mit, quasi einen Leitfaden durch die deutschen Gesetze. Die Auflage, die in Imielas Fall zugrunde gelegt wurde, gibt es leider nicht mehr. Doch hat folgender Satz aus §211 auch damals schon für Imiela gegolten: „Mörder ist, wer aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen ... einen Menschen tötet."
Doch hatten die Beck'schen Kurz-Kommentare für Imiela eine noch viel tiefergehendere Bedeutung. Dieses Geheimnis werde ich sicherlich eines Tages, jedoch nicht heute, verraten ...
Meine Besucher schwelgten in Erinnerungen und ließen mich teilhaben an ihrer Gedankenwelt. So ging nach zweieinhalb Stunden angeregter Diskussionen ein hochinteressanter Sonntag für mich zu Ende, und noch lange nach der Verabschiedung der Hemmelsdorfer kreisten meine Gedanken um Arwed Imiela.
Nicht nur 1973, sondern auch heute noch, nach über vierzig Jahren, ist das Thema um den einstigen Frauenmörder Arwed Imiela, der Teile der Leichen in einer Ludergrube vergrub, in Bewegung.
Ich bin sehr gespannt darauf, wohin mich die Reise im Fall Imiela noch führen wird ...

 

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